Frau Aro und Herr Aro


Im richtigen Leben: Birgit und Rüdiger
Baujahr: 1956 und 1952
Wohnort: Battweiler bei Zweibrücken, Grenze zwischen Saarland und Rheinland-Pfalz


Ich habe es mir schon so oft vorgenommen, oft angefangen und nun bleibe ich dran, bis der Steckbrief fertig ist.

Von meiner tierischen Vergangenheit ist nicht viel zu berichten, meine Mutter erlaubte keine Tiere, die machen Dreck und Unordnung, beides mochte sie überhaupt nicht. Ich dagegen kam an keiner Katze und an keinem Hund vorbei, ohne sie zu steicheln, ich liebte jedes Tier.
Als ich meine Mann kennenlernte, kam ich mir wie im Paradies vor, seine Eltern hatten einen Hund, mehrere Katzen, Fische, Vögel und Schildkröten. Dort merkte ich aber auch, daß ich eine starke Katzenallergie habe.
Da wir beide berufstätig waren und ich jeden Tag zur Arbeit fast 80 KM fahren mußte, wurde unser Herzenswunsch nach einem Hund nach hinten gestellt. Durch den Hund einer Freundin, den wir fürs Wochenende zu uns nehmen durften, wurde der Wunsch größer, wenigstens zeitweise mit Hunden umzugehen. Und so kamen wir ins Tierheim zu den Gassigängern. Es kamen und gingen Lieblingshunde, als „meine“ erste Hündin vermittelt wurde, blutete mir das Herz ein wenig.
1999 kam Rex ins Tierheim, ein Schäferhund und ein Scheidungsopfer. Er hatte uns und wir ihn gleich ins Herz geschlossen. Ich fuhr in jeder freien Minute ins Tierheim, um bei ihm zu sein. Wir wußten aber genau, wir waren tagsüber viel zu lange fort, um einem Hund gerecht zu werden. Dann machte die Tierheimleiterin uns einen Vorschlag, der alle Probleme löste: sie bot uns an, Rex tagsüber ins Tierheim wie in den „Hort“ zu bringen. Wir waren glücklich, und Rex war es auch.
Rex war ein Traumhund, er war sehr gut erzogen und er liebte uns sehr. Er hörte gleich vom ersten Augenblick gut auf uns, wir konnten ihn immer ableinen.



Wir machten mit unseren Bekannten und ihrem Hund lange Spaziergänge und Wandertouren, es war eine herrliche Zeit.
Die schöne Zeit dauerte ganze 4 Jahre, auf einmal fing Rex an zu hinken. Verschiedene Tierärzte, verschiedene Medikamente, es ging mal besser, mal schlechter. Dann bekamen wir vom letzten Tierarzt die schreckliche Diagnose, Tumor in der Schulter. Wir ließen ihn sofort operieren, doch er war schon zu schwach und überlebte die OP nicht.
Wir waren untröstlich, wir hatten nie damit gerechnet, ihn so früh zu verlieren. Es war uns, als wäre ein Teil von uns mitgegangen. Einige Tage später war uns klar, daß wir ohne Hund nicht leben wollten. Wir suchten und fanden in unserem Tierheim Swiki, einen Schäferhund-Collie-Mix. Er hat Rex ein wenig geglichen, vielleicht deshalb bekam er noch mehr Liebe.



Aber er war nicht so wie Rex, das merkten wir gleich. Er hatte von seinen 2 Jahren fast 1 Jahr alleine als Streuner gelebt und sah nicht ein, weshalb er auf einmal eingesperrt war. Er ist ausgebüxt, sobald er eine Gelegenheit hatte. Bei seinen Ausflügen hatte er 2 Katzen gebissen und mit einigen Hühnern gespielt, bis sie nicht mehr mitspielten. So ein Huhn hält ja nicht viel aus… Ich lernte damals viele Nachbarn kenne, bei denen ich mich entschuldigen mußte, und ich merkte auch - im Dorf führt das nicht zu Feindschaften.
Ich sah es als meine Aufgabe an, diesen Hund zu sozialisieren und nach 2 schweren Jahren gelang es mir auch, Swiki wurde uns ein treuer Freund. Er war zwar anderen Rüden und Katzen nicht tolerant und mit den Hunden unserer Freunde brauchte er seine Zeit, aber wir konnten mit ihm umgehen und ihn auch ableinen. Zuhause war er ein großer Schmuser.
Dann sah ich sie im Internet – rotblond, lange Beine, schmales Gesicht, ich war sofort hin und weg. Es war Sahra aus Mallorca, 7 Monate alt. Rüdiger war auch schnell überzeugt und so kam sie im Juni 2010 zu uns. Swiki verstand sich sehr gut mit ihr, war aber zu alt, um noch mit ihr zu spielen. Nun verstehe ich, was Steffi gemeint hat – alter Hund/junger Hund, großer Hund/kleiner Hund, das paßt nicht immer.





Sahra hielt uns sehr auf Trab. Aufgrund eines Parasitenbefalls im Darm war sie nicht ausgereift, erst als das behoben war, wurde ihre Verdauung planbarer. Sie hat sehr viele Schuhe, Brillen und sogar die Ecken vom Schuhschrank angeknabbert, man sagt immer, durch junge Hunde wird man zum Aufräumen gebracht. Dem kann ich nur zustimmen.
Ich nenne sie meine liebenswerte Anarchistin, sie macht nur das, was sie will, aber mit so einem Charme, daß man ihr nicht böse ist. Mit der Zeit ist sie ruhiger geworden, aber man kann sie immer noch nicht ableinen, sie ist sofort weg und kommt nach einiger Zeit wieder. Oder, wie einmal passiert, mußten wir sie fast 5 Stunden suchen und fanden sie mitten auf der Hauptstraße vor dem Ort, zwischen 3 Autos, die aber zum Glück alle anhielten.
Im Mai 2012 fing Swiki an zu hinken. Nachdem wir schon Rex durch einen Tumor verloren hatten, gingen wir sofort in eine Tierklinik. Dort fand man keine Anzeichen eines Tumors. Wir gingen fast jeden Tag zum Behandeln, es wurde aber nicht besser. Dann, beim Besuch eines anderen Spezialisten, bekamen wir die traurige Gewißheit – Tumor im Oberarm, der bereits in die Lunge gestreut hatte. Durch die langen Wochen, in denen wir verzweifelten, wieder Hoffnung schöpften, nur um wieder zu verzweifeln, waren wir bereit, ihn gehen zu lassen. Er hatte noch ein paar schöne Wochen, in denen wir ihn ganz verwöhnten, er durfte machen, was er wollte, bekam zu essen, was er wollte, er ging in der letzten Woche nur noch raus, um seine Geschäfte zu machen. Als er eines Tages nicht mehr aufstehen wollte, wußten wir, es ist soweit. Er starb auf seinem Bett, ganz in Ruhe, mit uns an seiner Seite.
Der folgende Tag war sehr schwer, ich hatte nur noch eine Schüssel zu füllen, nur noch eine Schnauze zu streicheln, wir verzweifelten. Wir merkten bald, nur ein Hund reichte uns nicht. Sahra sollte wieder einen Spielkameraden bekommen. Ich ging im Internet auf die Suche und hatte bald einige Kandidaten in der Umgebung und aus dem Ausland, die in die engere Wahl kamen. Die Endauswahl überließ ich Rüdiger.
Und er traf gleich seine Wahl – Aurelius von Körbchen gesucht. Er war mir schon seit einiger Zeit aufgefallen, da ich öfter bei KG vorbeischaute, weil sich die Arbeit von Steffi wohltuend von anderen Tierschutzorganisationen unterscheidet. Was mir besonders imponiert hat, daß sie jeden Hund mit seinen positiven und negativen Eigenschaften genau beschreibt. Aurelius war eigentlich auch mein Wunschkandidat, was ich meinem Mann aber nicht verraten hatte. Überzeugt hatte ihn das Video, das Steffi in der Perrera gemacht hatte. Man sah, daß Aurelius sehr auf Menschen fixiert war, sich aber auch mit seinen Hundekumpels verstand.
Schnell war eine ausführliche Vorstellungsmail geschrieben und abgeschickt. Bei dem folgenden langen Telefonat stellte Steffi noch viele Fragen zu Themen, an die wir vorher überhaupt nicht gedacht hatten. Einen Eindruck von ihrer genauen Arbeit bekamen wir, als sie uns zu einem Vorstellungsgespräch mit Sahra zu sich nach Hause bat. Wir sollten sogar Bilder von der Wohnung und dem Garten mitbringen, damit sie uns noch mehr gute Tipps vor allem für die ersten Wochen geben konnte.
Die folgenden Wochen Wartezeit waren sehr lang, endlich kam der Tag, an dem wir Aro, wie wir ihn nannten, am Flughafen Düsseldorf in die Arme schließen konnten. Er verstand sich gleich mit Sahra, sie liebte ihn von Anfang an.





Den Garten hat er sich eingeteilt, in den ersten Wochen lief er nur in eine Ecke, aber nach einiger Zeit hatte er das ganze Gelände für sich entdeckt. Es ist so schön, ihn jetzt unbeschwert mit Sahra oder seinen Hundefreunden toben und spielen zu sehen.



Als wir vom Seniorenheim, in dem meine Schwiegermutter lebt, gefragt wurden, ob wir mal mit den Hunden die Senioren besuchen wollten, hatten wir unsere Zweifel. Wir hatten ja keine ausgebildeten Therapiehunde, geht das gut? Wir merkten schnell, wieviel Spaß die beiden an den Besuchen hatten. Sie lieben es, gestreichelt zu werden und dafür Leckerli zu bekommen. Sahra, die sonst so hibbelig ist, nimmt sich ganz viel Zeit bei den alten Leuten, sie ist viel ruhiger, weiß genau, bei wem sie aufs Bett darf, und nützt das auch gerne aus. Aro liebt auch die Streicheleinheiten und die Leckerli, aber er nimmt sich nicht so viel Zeit wie Sahra, bei ihm muß alles schnell gehen. Es sieht fast so aus als wollte er sagen, komm schon, beeil dich, es sind noch viele andere Leute da, die ich besuchen muß!
Wir können uns ein Leben ohne die beiden gar nicht mehr vorstellen. Und wenn uns das Schicksal doch in Zukunft von ihnen trennen sollte, wissen wir ganz genau, wo wir uns hinwenden können, damit das Körbchen nicht kalt wird!

Battweiler, im April 2014